Die Lehre von der Präexistenz — dem Sein Christi *vor* seiner Menschwerdung — ist kein theologischer Nachtrag, sondern fundamentales Bibelzeugnis.
Johannes 1,1–3: *„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.„* Das dreifache „war“ (griech. *ēn*, Imperfekt — Dauer ohne Anfang) steht im Kontrast zum einmaligen „ward„ (*egeneto*) der Schöpfung. Das Wort *war* schon da, als alles andere erst *wurde*.
Die grammatische Struktur des griechischen Textes ist von höchster theologischer Präzision: *En archē ēn ho logos* — „Im Anfang *war* das Wort.“ Das Imperfekt *ēn* drückt ein Sein ohne zeitlichen Beginn aus. Es sagt nicht: „Im Anfang *wurde* das Wort„ (das wäre *egeneto*), sondern: Das Wort *war bereits*, als der Anfang begann. Dies ist eine Aussage über ewiges Sein, nicht über ein Entstandensein. Im Kontrast dazu steht in Johannes 1,3 das Verb *egeneto* (Aorist — einmaliges Geschehen) für alles Geschaffene: „Alle Dinge sind durch dasselbe *gemacht* [egeneto].“ Der Unterschied zwischen *ēn* und *egeneto* enthält die gesamte Lehre von der ewigen Gottheit Christi in einer grammatischen Nuance.
Die Schrift lehrt eindeutig, dass Jesus Christus nicht nur vor der Schöpfung existierte, sondern aktiv an ihr beteiligt war — als Mittler, durch den alles ins Dasein gerufen wurde:
Drei Präpositionen definieren das Verhältnis Christi zur Schöpfung: *durch* ihn (griech. *di' autou* — er ist die wirkende Ursache), *zu* ihm (griech. *eis auton* — er ist das Ziel, der Zweck aller Dinge) und *in* ihm (griech. *en autō* — er ist die tragende Kraft, die alles zusammenhält). Die gesamte Schöpfung verdankt ihm ihren Ursprung, strebt auf ihn als Ziel zu und wird in jedem Moment ihres Bestehens durch seine Kraft getragen. Hebräer 1,3 (*„und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort„*) bestätigt: Es ist nicht so, dass Christus die Welt einst schuf und sie dann sich selbst überließ — er *trägt* sie fortwährend. Ohne sein erhaltendes Wort würde die Schöpfung ins Nichts zurückfallen.
Dieser Christushymnus im Philipperbrief beschreibt eine Bewegung: von der göttlichen Gestalt (*morphē theou*) über die freiwillige Selbstentäußerung (*kenōsis*) bis zum tiefsten Punkt menschlicher Existenz — dem Kreuzestod. Präexistenz, Inkarnation und Erlösung sind hier in einem einzigen Atemzug zusammengefasst.
Das griechische Wort *morphē* (μορφή, „Gestalt„) in Philipper 2,6 bezeichnet nicht die äußere Erscheinung, sondern das *innerste Wesen*. Die „göttliche Gestalt“ meint: Er besaß das volle, unverkürzte göttliche Wesen. Das Verb *kenóō* (κενόω, „sich entäußerern„, „sich entleeren“) in Vers 7 beschreibt den unfassbaren Akt der Kenosis: Christus legte nicht seine göttliche Natur ab (das wäre unmöglich), aber er legte den *Gebrauch* seiner göttlichen Vorrechte ab. Er verzichtete darauf, seine Gleichheit mit Gott als *Privileg festzuhalten* (griech. *harpagmon* — etwas, das man krampfhaft festhält), und wählte stattdessen den Weg nach unten: von der Gottesgestalt zur Knechtsgestalt, vom Thron zur Krippe, von der Herrlichkeit zum Kreuz.
Eine *Christophanie* (von griech. *Christos* + *phainō* = „erscheinen“) ist eine vorinkarnatorische Erscheinung des Sohnes Gottes im Alten Testament. Die Schrift berichtet von einem geheimnisvollen Wesen, das als „der Engel des HERRN„ (hebr. *Malach JHWH*) bezeichnet wird und dabei Eigenschaften aufweist, die nur Gott selbst zukommen: Er vergibt Sünden, empfängt Anbetung, spricht in der ersten Person als JHWH und trägt den göttlichen Namen in sich.
Der hebräische Text unterscheidet sorgfältig zwischen *einem* Engel (*malach*, ohne Artikel) und *dem* Engel des HERRN (*Malach JHWH*, mit oder ohne Artikel, aber stets einzigartig). Dieser Engel wird an keiner Stelle als geschaffenes Wesen identifiziert; vielmehr wird er mit dem HERRN selbst gleichgesetzt und zugleich von ihm unterschieden — eine vorschattende Offenbarung der Dreieinigkeit.
1. Mose 16,13: *„Und sie hieß den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du, Gott, siehest mich.“* Hagar erkennt: Der Engel, der zu ihr sprach, ist nicht ein Bote, sondern *Gott selbst*. Sie nennt ihn *El-Roi* — „der Gott, der mich sieht„.
In 1. Mose 18 erscheinen Abraham drei Männer, einer davon wird durchgehend als „der HERR“ (JHWH) identifiziert: 1. Mose 18,1 (*„Und der HERR erschien ihm im Hain Mamre.„*). Abraham fällt auf sein Angesicht und redet ihn als *Adonai* („mein Herr“) an. Dieser HERR kündigt die Geburt Isaaks an und richtet über Sodom. Zwei der Besucher gehen nach Sodom; der HERR aber bleibt bei Abraham stehen (18,22). Dann: 1. Mose 19,24 (*„Da ließ der HERR Schwefel und Feuer regnen von dem HERRN aus dem Himmel.„*). Beachte: „der HERR … von dem HERRN aus dem Himmel“ — zwei Personen, die beide den JHWH-Namen tragen. Dies ist eine der deutlichsten alttestamentlichen Andeutungen der Pluralität innerhalb des einen Gottes.
2. Mose 3,2: *„Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Busch.„* Doch schon im nächsten Vers heißt es: 2. Mose 3,4 (*„Da aber der HERR sah, dass er hinging, zu sehen, rief ihm Gott aus dem Busch und sprach: Mose, Mose!“*). Der *Engel* des HERRN und *Gott selbst* werden hier gleichgesetzt. Und dieser selbe Engel offenbart den heiligsten Namen Gottes: 2. Mose 3,14 (*„Gott sprach zu Mose: ICH WERDE SEIN, DER ICH SEIN WERDE.„*). Genau diesen Namen nimmt Jesus in Johannes 8,58 (*„Ehe denn Abraham ward, bin ich.“*) für sich in Anspruch.
Josua 5,14–15: *„Er sprach: Nein, sondern ich bin der Fürst über das Heer des HERRN und bin jetzt gekommen. Da fiel Josua auf sein Angesicht zur Erde und betete an und sprach zu ihm: Was sagt mein HERR seinem Knecht? Und der Fürst über das Heer des HERRN sprach zu Josua: Zieh deine Schuhe aus von deinen Füßen; denn die Stätte, darauf du stehst, ist heilig.„* Die Befehle gleichen exakt denen am brennenden Dornbusch (2. Mose 3,5). Ein geschaffener Engel hätte Anbetung verweigert (vgl. Offenbarung 22,9: *„Tue es nicht! denn ich bin dein Mitknecht … Bete Gott an!“*). Dieser Fürst nimmt sie an — weil er Gott ist.
Richter 13,18: *„Aber der Engel des HERRN sprach zu ihm: Warum fragst du nach meinem Namen, der doch wunderbar ist?„* Das Wort „wunderbar“ (hebr. *pil'i*) ist dasselbe, das in Jesaja 9,5 (*„und er heißt Wunderbar„*) als messianischer Titel verwendet wird. Als der Engel in der Opferflamme gen Himmel fuhr, erkannte Manoah: Richter 13,22 (*„Wir müssen des Todes sterben, dass wir Gott gesehen haben.“*) — Er wusste: Er hatte Gott selbst gesehen.
Die Christophanien zeigen, dass der Sohn Gottes nicht erst in Bethlehem begann, sich der Menschheit zu offenbaren. Er war seit jeher der Offenbarer des Vaters: Johannes 1,18: *„Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat es uns verkündigt.„* Wenn also Abraham, Mose, Josua und andere den HERRN „sahen“, dann sahen sie den präinkarnatorischen Sohn Gottes — denn den Vater hat nie ein Mensch gesehen.