Inhaltsverzeichnis
Die Namen und Titel Jesu Christi
Die Heilige Schrift offenbart Jesus Christus unter einer Fülle von Namen und Titeln, die jeweils einen unverwechselbaren Aspekt seines Wesens, seines Wirkens und seiner Herrlichkeit beleuchten. Kein anderer Mensch in der gesamten Bibel wird mit einer solchen Vielfalt von Bezeichnungen bedacht — ein stilles, aber überwältigendes Zeugnis seiner unerschöpflichen Größe.
Das Wort (Logos)
Der griechische Ausdruck *Logos* (λόγος) verbindet den jüdischen Begriff des schöpferischen Gotteswortes (*„Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht.“* — 1. Mose 1,3) mit dem gesamten Offenbarungswillen Gottes. Christus *ist* dieses Wort — nicht nur Bote, sondern die Offenbarung selbst. In ihm hat Gott sich endgültig und vollkommen ausgesprochen. Das Wort ist zugleich Schöpfungsmittler und Erlöser:
Der Titel *Logos* (λόγος) trägt im biblischen Kontext eine dreifache Tiefenschicht. Erstens verweist er auf das schöpferische Sprechen Gottes in der Genesis: Zehnmal heißt es „Und Gott sprach„ (1. Mose 1) — und jedes Mal entsteht etwas aus dem Nichts. Christus ist dieses schöpferische Wort in Person, durch das Hebräer 11,3 (*„Durch den Glauben merken wir, daß die Welt durch Gottes Wort fertig ist, daß alles, was man sieht, aus nichts geworden ist.“*) bestätigt. Zweitens steht der Logos für die prophetische Rede Gottes — das „Wort des HERRN“, das zu den Propheten erging (vgl. Jeremia 1,4: *„Und des HERRN Wort geschah zu mir und sprach:“*). In Christus ist dieses Prophetenwort nicht mehr Bruchstück, sondern Gesamtoffenbarung:
- Drittens ist der Logos das erhaltende Wort, durch das der Kosmos zusammengehalten wird: Hebräer 1,3 (*„und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort„*). So ist Christus als Logos Schöpfer, Offenbarer und Erhalter in einer Person.
Sohn Gottes
Dieser Titel drückt die ewige, wesensgleiche Beziehung des Sohnes zum Vater aus — keine geschöpfliche Sohnschaft, sondern die innertrinitarische Gemeinschaft.
Bei der Taufe am Jordan zerreißt der Himmel und der Vater selbst bezeugt den Sohn. Ebenso bei der Verklärung auf dem Berg:
Das Neue Testament verwendet für Christus den Ausdruck *monogenēs* (μονογενής) — „eingeboren“, „einzigartig„ (Johannes 3,16: *„Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“*). Dieses Wort unterscheidet die Sohnschaft Jesu grundlegend von der Sohnschaft der Gläubigen, die durch Adoption Kinder Gottes werden (Römer 8,15: *„Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, daß ihr euch abermals fürchten müßtet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch welchen wir rufen: Abba, lieber Vater!“*). Christus ist Sohn Gottes *von Natur*; Gläubige sind Kinder Gottes *aus Gnade*.
Menschensohn
Dieser Titel, den Jesus selbst am häufigsten verwendete (über achtzig Mal in den Evangelien), verbindet tiefste Niedrigkeit mit höchster Herrlichkeit. Er verweist auf die Vision Daniels:
Als Menschensohn identifiziert sich Christus vollständig mit der Menschheit, teilt ihre Schwachheit, ihren Hunger, ihren Schmerz — und empfängt zugleich ein ewiges, universales Königtum.
Jesus verwendet den Titel „Menschensohn“ in drei klar unterscheidbaren Kontexten: Erstens im Zusammenhang mit seiner irdischen Vollmacht — Markus 2,10 (*„Auf das ihr aber wisset, daß des Menschen Sohn Macht hat, zu vergeben die Sünden auf Erden, (sprach er zu dem Gichtbrüchigen):“*). Zweitens im Zusammenhang mit seinem Leiden — Markus 10,45 (*„Denn auch des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und gebe sein Leben zur Bezahlung für viele.“*). Drittens im Zusammenhang mit seiner zukünftigen Herrlichkeit — Matthäus 25,31 (*„Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle heiligen Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit,“*). In diesem dreifachen Gebrauch spiegelt sich die gesamte Bewegung der Heilsgeschichte: Vollmacht — Leiden — Herrlichkeit.
Immanuel
*Gott mit uns* — der Name, den der Prophet Jesaja weissagte: Jesaja 7,14 (*„Darum so wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel.“*). Matthäus erkennt in der Geburt Jesu die Erfüllung: Matthäus 1,23 (*„Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden seinen Namen Immanuel heißen, das ist verdolmetscht: Gott mit uns.“*). Der Name fasst das gesamte Evangelium in zwei Worte: Gott — mit — uns. Nicht fern, nicht bloß über uns, sondern *bei* uns und *in* uns.
Der Name *Immanuel* (hebr. עִמָּנוּ אֵל, *Immanu-El*) zieht sich als roter Faden durch die gesamte Heilsgeschichte. Im Exodus wohnt Gott *bei* seinem Volk in der Stiftshütte: 2. Mose 25,8 (*„Und sie sollen mir ein Heiligtum machen, daß ich unter ihnen wohne.“*). Im Johannesevangelium wird dieses Wohnen Gottes in der Person Christi erfüllt: Johannes 1,14 (*„Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“*) — das griechische *eskēnōsen* (ἐσκήνωσεν) bedeutet wörtlich „er schlug sein Zelt auf„, „er errichtete seine Stiftshütte“. Und in der ewigen Vollendung erreicht das Immanuel-Prinzip seine Klimax: Offenbarung 21,3 (*„Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;“*).
Lamm Gottes
Siehe ausführlich den Abschnitt *Das vollkommene Opfer am Kreuz* und den Hauptartikel Lamm. Johannes der Täufer rief: Johannes 1,29 (*„Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt!“*). Im Buch der Offenbarung wird das Lamm nicht weniger als achtundzwanzig Mal erwähnt — stehend wie geschlachtet, und doch lebendig und herrschend in Ewigkeit (Offenbarung 5,6: *„Und ich sah, und siehe, mitten zwischen dem Stuhl und den vier Tieren und zwischen den Ältesten stand ein Lamm, wie wenn es erwürgt wäre“*). Die Zahl achtundzwanzig (4 × 7) ist dabei kein Zufall: Die Vier steht in der biblischen Numerik für die ganze Erde (vier Himmelsrichtungen), die Sieben für göttliche Vollkommenheit. Das Lamm herrscht in vollkommener Weise über die gesamte Schöpfung. Das Bild des Lammes verbindet das Passahlamm (2. Mose 12), das tägliche Tamid-Opfer (das jeden Morgen und jeden Abend dargebracht wurde; 2. Mose 29,39: *„Ein Lamm des Morgens, das andere gegen Abend;“*), den leidenden Gottesknecht aus Jesaja 53,7 (*„wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird“*) und das triumphierende Lamm der Offenbarung.
Der Löwe aus dem Stamm Juda
Offenbarung 5,5 (*„Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe, der da ist vom Geschlecht Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und zu brechen seine sieben Siegel.“*). Hier treffen zwei scheinbar unvereinbare Bilder aufeinander: der Löwe und das Lamm. Er ist der mächtige Herrscher aus der Verheißung Jakobs (1. Mose 49,9: *„Juda ist ein junger Löwe. Du bist hoch gekommen, mein Sohn, durch große Siege.“*), und zugleich das stille, hingegebene Opfertier. Diese Spannung ist das Herzstück des biblischen Christuszeugnisses. Die dramatische Szene in Offenbarung 5 verdient besondere Beachtung: Johannes weint heftig, weil niemand würdig ist, das versiegelte Buch zu öffnen (V. 4). Einer der Ältesten tröstet ihn: *Der Löwe hat überwunden!* — und als Johannes aufblickt, sieht er *kein* brüllendes Raubtier, sondern ein *Lamm, als wäre es erwürgt* (V. 6). Die Art, wie der Löwe überwunden hat, ist gerade *als Lamm* — durch Opfer, nicht durch Gewalt. Er hat gesiegt, *indem* er sich hingab. Darin liegt die göttliche Revolution: Macht durch Ohnmacht, Sieg durch Hingabe, Leben durch Tod.
Weiterer Überblick über ausgewählte Titel
| Titel | Schriftstelle | Bedeutung |
|---|---|---|
| Alpha und Omega | Offenbarung 1,8: *„Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, spricht Gott der HERR“* | Ewiger Ursprung und ewiges Ziel aller Dinge |
| Erster und Letzter | Offenbarung 1,17: *„Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte“* | Identisch mit dem JHWH-Titel aus Jesaja 44,6: *„So spricht der HERR, der König Israels, und sein Erlöser, der HERR Zebaoth: Ich bin der Erste, und ich bin der Letzte, und außer mir ist kein Gott“* |
| Friedefürst | Jesaja 9,6: *„Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; er heißt Wunderbar, Rat, Held, Ewig-Vater Friedefürst;“* | Er ist der Stifter und der Inhalt des wahren Friedens |
| Wunderbarer Ratgeber | Jesaja 9,6 (s.o.) | Göttliche Weisheit in Person |
| Der Gute Hirte | Johannes 10,12: *„Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für seine Schafe.“* | Erfüllung von Psalm 23 und Hesekiel 34 |
| Der Weinstock | Johannes 15,5: *„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viele Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“* | Lebensquelle der Gemeinde; vgl. Weinstock |
| König der Könige | Offenbarung 19,16: *„Und er hat einen Namen geschrieben auf seinem Kleid und auf seiner Hüfte also: Ein König aller Könige und ein HERR aller Herren.“* | Absolute Souveränität über alle Mächte |
| Mittler | 1. Timotheus 2,5: *„Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus,“* | Brückenbauer zwischen heiligem Gott und sündigem Mensch |
| Eckstein | Epheser 2,20: *„erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist,“* | Tragfundament der Gemeinde; vgl. Stein |
| Auferstehung und das Leben | Johannes 11,25: *„Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe;“* | Überwindung des Todes |
| Morgenstern | Offenbarung 22,16: *„Ich, Jesus, habe gesandt meinen Engel, solches zu bezeugen an die Gemeinden. Ich bin die Wurzel des Geschlechts David, der helle Morgenstern.“* | Vorbote des ewigen Tages; vgl. Stern |
| Bräutigam | Matthäus 25,6: *„Zur Mitternacht aber ward ein Geschrei: Siehe, der Bräutigam kommt; geht aus ihm entgegen!“* | Christus und seine Gemeinde als Braut (Epheser 5,25: *„Ihr Männer, liebet eure Weiber, gleichwie Christus auch geliebt hat die Gemeinde und hat sich selbst für sie gegeben,“*); vgl. Hochzeit |
| Erstgeborener von den Toten | Kolosser 1,18: *„Und er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde; er, welcher ist der Anfang und der Erstgeborene von den Toten, auf daß er in allen Dingen den Vorrang habe.“* | Garantie der Auferstehung aller Gläubigen |
| Letzter Adam | 1. Korinther 15,45: *„Wie es geschrieben steht: der erste Mensch, Adam, „ward zu einer lebendigen Seele“, und der letzte Adam zum Geist, der da lebendig macht.“* | Haupt einer neuen Menschheit; vgl. Adam |
| Der HERR unsre Gerechtigkeit | Jeremia 23,6: *„Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, daß man ihn nennen wird: Der HERR unsre Gerechtigkeit.“* | Die zugerechnete Gerechtigkeit Christi; vgl. Rechtfertigung |
| Der Fürsprecher | 1. Johannes 2,1: *„Meine Kindlein, solches schreibe ich euch, auf daß ihr nicht sündiget. Und ob jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesum Christum, der gerecht ist.“* | Sein himmlischer Dienst für die Gläubigen; vgl. Hohepriester |
| Der Anfänger und Vollender des Glaubens | Hebräer 12,2: *„und aufsehen auf Jesum, den Anfänger und Vollender des Glaubens;“* | Er beginnt den Glauben und bringt ihn zur Vollendung |
| Das Ebenbild Gottes | 2. Korinther 4,4: *„welcher ist das Ebenbild Gottes“* | Wer Christus sieht, sieht den Vater (Johannes 14,9: *„Wer mich sieht, der sieht den Vater;“*) |